Landesanstalt für Altlastenfreistellung

ÖGP Bitterfeld-Wolfen

LageLandkreis Anhalt-Bitterfeld, Stadt Bitterfeld-Wolfen
Größe1.300 ha
Schadstoffpotenzialunter anderem BTEX, Chlorbenzole, LHKW, daneben Chloraniline, Chlorbenzolsulfonsäuren, HCH, Nitrochlorbenzol, Phenole (Methylphenole, Chlorphenole, Nitrophenole, Nitrochlorphenole), Triazine, Schwermetalle, zinnorganische Verbindungen
SanierungsmaßnahmenQuellensanierungen im Boden durch Bodenaustausch, Abtromsicherungen zur Verhinderung der Ausbreitung kontaminierten Grundwassers
AnsprechpartnerEvelyn Schaffranka ist Projektleiterin der LAF für das Projekt.

Ausgangssituation

Die heutige Stadt Bitterfeld-Wolfen zählt zu den ältesten Industriestandorten in Deutschland. Befördert durch die seit Anfang des 19. Jahrhunderts laufende Braunkohleförderung entwickelte sich ab etwa 1893 hauptsächlich die Chemische Industrie. Im Laufe der Zeit entstanden dabei 2 große Industriebereiche, das Chemiewerk Bitterfeld zwischen den Ortslagen Bitterfeld im Südosten, Greppin im Osten und Wolfen im Nordwesten, sowie die Filmfabrik Wolfen westlich von Wolfen. Bis zum politischen Umbruch in der ehemaligen DDR 1989/1990 firmierten die angesiedelten Betriebe zuletzt als VEB Chemiekombinat Bitterfeld und als VEB Fotochemisches Kombinat Wolfen, mit insgesamt etwa 32.000 Beschäftigten. Im Laufe der Zeit wurde am Standort eine Palette von etwa 5.000 verschiedenen Produkten erzeugt, von Grundchemikalien über Pflanzenschutzmittel, Desinfektionsmittel, Kunststoffe, Farbstoffe, Ionenaustauscher, bis hin zu technischen und fotografischen Filmen. Dementsprechend wurde mit den verschiedensten Stoffen umgegangen, neben Schwermetallen und Grundchemikalien wie anorganischen Säuren und Basen, vor allem mit einer großen Bandbreite organischer Stoffe, insbesondere Chlorverbindungen.

Während der Standortentwicklung entstand ein Mosaik aus Produktionsanlagen sowie Anlagen für Lagerung, Transport und Umschlag von Ausgangsstoffen, End- und Zwischenprodukten. In den letzten Jahrzehnten vor 1990 war die Situation am Standort in vielen Bereichen geprägt durch Technologien, die nicht mehr dem Stand der Technik entsprachen, sowie durch fehlende Reinigungsanlagen und fehlende Instandhaltungskapazitäten. Durch den zunehmend desolaten Zustand vieler Anlagen stieg auch deren Störanfälligkeit. Durch Leckagen und Havarien gelangten im gesamten Werksbereich Schadstoffe in den Untergrund.

Bei der Produktion fielen in erheblichem Umfang Abfälle an. Die Restlöcher von bereits stillgelegten Braunkohletagebauen in der Umgebung wurden dabei für die Ablagerung der oftmals schadstoffhaltigen Produktionsabfälle genutzt. Bei der Einrichtung dieser Deponien wurden keine Sicherungsmaßnahmen für Boden und Grundwasser vorgesehen, die den heutigen Anforderungen entsprechen. Die Sicherung dieser Anlagen ist Gegenstand des Projektes Altdeponien.

Die in den verschiedenen Produktionsanlagen anfallenden Abwässer wurden jahrzehntelang gemeinsam mit dem abzuleitenden Niederschlagswasser über zentrale Mischabwassersysteme entsorgt. Die Wässer wurden über Abwasserleitungen, Kanäle und Gräben weitgehend ungeklärt in Richtung der Mulde abgeleitet.

Im gesamten Werksgelände gelangten aus Anlagen und Deponien Schadstoffe in den Boden. Kontaminationen aus lang anhaltenden Schadstoffeinträgen oder aus größeren Havarien drangen dabei bis ins Grundwasser vor. Der Grundwasserschaden umfasst das gesamte Werksgelände und z. T. abstromige Bereiche, ist aber bzgl. der Schadstoffspezifik sehr heterogen. Die Morphologie wird vom historischen Bergbau und der nachfolgenden Landnutzung geprägt. Die Bergbaukippen beeinflussen die ursprünglichen Geländehöhen. Alle grundwasserbezogenen Prozesse am Standort wurden bisher sehr stark durch großräumige Veränderungen des Grundwasserregimes, die sich durch die Stilllegung der Braunkohletagebaue in der Umgebung und der damit verbundenen Einstellung von Grundwasserhebungsmaßnahmen nach fast 100 Jahren ergaben, beeinflusst. So ist das Grundwasserfließgeschehen in den Jahren seit 1999 insbesondere durch die Flutung der Tagebaurestlöcher Köckern und des Goitsche-Komplexes im Zusammenhang mit dem Hochwasserereignis 2002 geprägt worden. Hinsichtlich der mit dem massiven Grundwasserwiederanstieg verbundenen Probleme gibt es eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen des ÖGP Bitterfeld-Wolfen und des Sanierungsbergbaus der Braunkohle. Daneben war im Hinblick auf den Anstieg des Grundwassers die mit der Stilllegung von Betrieben verbundene Einstellung von Brauchwasserentnahmen durch die Standortindustrie prägend für die Ausbildung der heutigen Grundwassersituation.

Projektansatz

Die Sanierungsprojekte „Chemie AG Bitterfeld-Wolfen“ und „Filmfabrik Wolfen“ sind durch die gemeinsame Arbeitsgruppe Bund/THA/Länder als Großprojekte im Sinne der Finanzierungsregelung der ökologischen Altlasten eingestuft worden. Die Bewertung und Bearbeitung beider Projekte erfolgt über ein Sanierungsrahmenkonzept, hierin werden die notwendigen Maßnahmen zur Gefahrenabwehr sowie der dafür erforderliche Finanzrahmen abgeleitet.

Den Schwerpunkt im Rahmen des ÖGP Bitterfeld bilden die Maßnahmen zur Sicherung und Sanierung des Grundwasserschadens. Eine vollständige Dekontamination ist aus technisch-organisatorischen und finanziellen Gründen in überschaubaren Zeiträumen nicht möglich. Die Sicherungs-/Sanierungsmaßnahmen hatten deshalb in der ersten Projektphase als Sofortmaßnahmen zwei Ziele: Verhinderung einer weiteren Ausbreitung des Grundwasserschadens und der damit verbundenen Gefährdung für Grund- und Oberflächenwasser sowie die Verhinderung von Gefahren für öffentliche Schutzgüter durch ansteigendes kontaminiertes Grundwasser in oberflächennahe Bereiche.
Dem Grundwassersanierungskonzept liegt dabei ein 2-Stufen-Plan zu Grunde:

  • Stufe 1: Abstromsicherungen incl. lokale Quellensanierungen
  • Stufe 2: MNA/ENA für die Abstrombereiche außerhalb der Wirkbereiche der Abstromsicherungen.

Es ist davon auszugehen, dass die Abstromsicherungen im ÖGP dauerhaft betrieben werden müssen, um die Einhaltung der Sanierungsziele des Projektes gewährleisten zu können. Darüber hinaus hat das ÖGP Wechselwirkungen mit anderen Projekten im Raum Bitterfeld, wie z.B. das Chemieparksicherungsprojekt und das Projekt Stadtsicherung.

Schwerpunkte der Bodensanierung waren in den vergangenen Jahren neben Sofortmaßnahmen zur Verhinderung von Gefahren für öffentliche Schutzgüter die Maßnahmen zur Vorbereitung von Altstandortflächen für Investoren. Hervorzuheben sind der Abriss und die Entsorgung zahlreicher hochgradig kontaminierter Gebäude und Anlagen, wie z. B. des Vulkazit- und Thiurambetriebes und der Chloralkalielektrolyseanlagen Chlor I und III in Verbindung mit der Sanierung der Standortflächen.

Die großen Herausforderungen dieses ökologischen Großprojektes spiegeln sich auch in diversen Forschungsprojekten verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen wieder, z. B.

  • Untersuchungen zum Abbauverhalten der Schadstoffe im Abstrombereich Bitterfeld im Rahmen des EU-Vorhabens WELCOME
  • Untersuchungen im Rahmen des FuE-Vorhabens Antonie
  • Ausgasungsuntersuchungen Greppin

Meilensteine

1994

Erfassung Sachstand, Konzepterarbeitung

1994-1999

• Sofortmaßnahmen im Boden- und Oberflächengewässerbereich
• systematische Erkundung der Teilflächen des Werksgeländes und der Deponien
• Aufbau eines systematischen Grundwassermonitorings

1999-2006

• Errichtung der Brunnenriegel (Abstromsicherungen) sowie der zugehörigen Reinigungsanlagen
• Detailerkundungen und Sanierungsuntersuchungen für Teilflächen und Altablagerungen
• Bodensanierungsmaßnahmen

seit 2007

• kontinuierliche Optimierung der Abstromsicherungen
• Fortsetzung der Erkundung von Schadstoffquellen
• lokale Quellensanierungsmaßnahmen wie
  - Quellensanierung Chlorbenzole durch Bodenaustausch mittels Großbohrlochverfahren,
  - Hotspot-Sanierung einer HCH-Ablagerung durch Bodenaustausch,
  - Sanierung der Absetzbecken "Klärteiche Süd“ durch Stabilisierung und Abdeckung
• Untersuchung von Belastungen außerhalb der Kernfläche des ÖGP, insbesondere in der Muldeaue

Projektumfang und Kosten

Jährlich werden über die Brunnenriegel des ÖGP Bitterfeld rund 2 bis 2,7 Millionen Kubikmeter Grundwasser gehoben und gereinigt. Bisher wurden im Projekt in mehr als 200 Einzelmaßnahmen zur Erkundung, zur Gefährdungsabschätzung, für Sanierungsplanungen und für die Sicherung und Sanierung der Umweltschäden insgesamt rund 332 Mio. EUR aufgewendet.

Wirtschaftliche Erholung / Ansiedlung

Ab 1990 wurde am Standort eine Vielzahl von Anlagen und Grundstücken einzeln privatisiert. Seit 2001 ist die P-D ChemiePark Bitterfeld Wolfen GmbH (seit Ende 2013 Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH, CPG) als Standortgesellschaft tätig und bündelt zentrale Dienstleistungen wie die Wasserver- und -entsorgung oder die Bereitstellung des Rohrbrückennetzes. Im heutigen ChemiePark Bitterfeld-Wolfen sind mehr als 300 kleine, mittelständische- und Großunternehmen angesiedelt, darunter unter anderem:

  • Addcon Europe GmbH
  • Akzo Nobel GmbH
  • amynova polymers® GmbH
  • Bayer Bitterfeld GmbH
  • CM Chemiemetall GmbH Bitterfeld
  • Evonik Degussa AG
  • Guardian Flachglas GmbH
  • Heraeus Quarzglas GmbH & Co. KG
  • ICL Industrial Products (IP)
  • Indulor Chemie GmbH
  • Island Polymer Industries GmbH
  • LANXESS AG / IAB Ionenaustauscher GmbH
  • Linde AG
  • Miltitz Aromatics GmbH
  • ORWO Net AG
  • Sidra Wasserchemie GmbH
  • SOEX Textil-Sortierbetriebsgesellschaft mbH + SOEX Textil-Recycling GmbH
  • TRICAT GmbH

Als Standortgesellschaft ist die CPG Partner für den Grundstückserwerb im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen.